Gastkommentar von Pfr. Herwig Behring für „Die Glocke“

Gastkommentar von Pfr. Herwig Behring für „Die Glocke“

Gastkommentar für die Glocke - Ausgabe am Samstag, 13.11.2010
Abends Warendorfer Honky Tonk Kneipenfestival 
- morgens Volkstrauertag
Ob die Terminwahl für das Kneipenfestival am Vorabend des Volkstrauertages wirklich glücklich war, mag dahin gestellt sein. Zumindest wird so deutlich, wie schwer wir uns mit diesem „stillen“ Feiertag tun. Nichts gegen jazzen, rocken, soulen und funken, aber wie passt das zusammen, wenn die Kneipen abends zum Bersten voll sind und sich morgens Vertreter aus Politik, Gesellschaft und Kirchen zum Gedenken des Volkstrauertages aufmachen? Oder gilt hier: Wer a-bends feiern kann, kann morgens auch der Toten durch Gewalt und Krieg geden-ken?
Nationale Trauer und Mahnung zum Frieden haben es schwer. Der 1925 einge-führte Volkstrauertag zum Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkriegs wurde von den Nazis zum „Heldengedenktag“ umfunktioniert. Zur klaren Abgrenzung wurde der Volkstrauertag später an das Ende des Kirchenjahres und somit in ei-ne Phase der Ruhe und Kontemplation verlegt. Seit 1952 gedenkt man der Opfer beider Weltkriege am vorletzten Sonntag vor dem ersten Advent.
Krieg, Totengedenken und Mahnung zum Frieden – ist das alles zu lange her und zu weit entfernt für unser Lebensgefühl? Oder wollen wir uns damit lieber gar nicht auseinandersetzen? Nichts sehen, nichts hören und feiern, bis der Arzt kommt?
„Es ist Krieg. Entrüstet euch!“ So lautet das Motto der diesjährigen Ökumeni-schen FriedensDekade. „Es ist Krieg“ – und Deutschland ist wieder daran betei-ligt. Nicht erst seit der Neujahrspredigt von Margot Käßmann wird der deutschen Öffentlichkeit bewusst, dass auch deutsche Soldatinnen und Soldaten weltweit im Einsatz sind – unter anderem in Afghanistan. Und ob das Sinn macht, darf durchaus bezweifelt werden. Der Aufruf „Entrüstet euch!“ will wach rütteln, damit wir uns für einen Rüstungsabbau einsetzen. Das ist auch nötig, denn Deutsch-land gehört 20 Jahre nach dem Fall der Mauer zu den Spitzenexporteuren im in-ternationalen Rüstungsgeschäft.
Der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Altbischof Wolfgang Huber, hat im ver-gangenen Jahr in seiner Karfreitagspredigt auf dieses Problem aufmerksam ge-macht und uns als Christinnen und Christen zu einem deutlichen Zeichen der „Umkehr“ aufgerufen: „...unsere Aufgabe ist es, der tötenden Gewalt zuvorzu-kommen, nicht den Tod durch Waffengewalt herbeizuführen.“
Der Volkstrauertag ist ein Gedenktag an die Opfer von Gewalt und Krieg und ein Tag zum Nachdenken darüber, was jeder von uns beitragen kann zum Schutz vor Gewalt, zur Förderung der Freiheit, zum Abbau von Not und zur Anerkennung kultureller Verschiedenheit.
„Si vis pacem para pacem. Wenn du Frieden willst, dann bereite den Frieden vor.“ Vielleicht kann es so gelingen: abends friedlich und fröhlich feiern und morgens den Volkstrauertag begehen. Es kommt immer darauf an, ob uns beides gleichermaßen gelingt.
Pfarrer Herwig Behring

Vgl.: Gottes Frieden Leben – für gerechten Frieden sorgen. Eine Denkschrift des Rates der Evange-lischen Kirche in Deutschland, Seite 52.

Gastkommentar von Pfr. Herwig Behring für „Die Glocke“