Gastkommentar für die Glocke

Gastkommentar für die Glocke

Gastkommentar für die Glocke - Ausgabe am Samstag, 31. Juli 2010

Seit einer Woche sind Duisburg und Loveparade zum Inbegriff einer unvorstellbaren Tragödie geworden: Was als große Party und werbewirksames Event im Rahmen von „Ruhr 2010“ geplant war, endete in einer unfassbaren Katastrophe mit 21 Toten, Hunderten teils Schwerstverletzten und unzähligen Traumatisierten.

Mit der Fassungslosigkeit ist in den vergangenen Tagen auch die Wut gestiegen. Die Frage nach der Verantwortung führt zu gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen Veranstalter, Behörden und Organisatoren. Oberbürgermeister Sauerland wird aufgefordert, „Verantwortung zu übernehmen“ und von seinem Amt zurück zu treten. Das Rathaus steht unter Polizeischutz, weil Menschen draußen skandieren: „Sauerland raus!“ Ja, es sind Fehler gemacht worden, aber das kann nicht die Androhung von Gewalt oder sogar Mordandrohungen rechtfertigen. Es ist Aufgabe von Polizei, Staatsanwaltschaft und Justiz, Fehlverhalten aufzudecken und zu sanktionieren. Und ganz sicher hat nicht nur einer Fehler gemacht. Vielleicht sollten die, die jetzt am lautesten schreien, an die Worte Jesu denken, die er der aufgebrachten Menge sagt, als sie sich über eine Sünderin ereifern: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie!“ (Johannes 8,7) Durch die Suche nach Schuldigen wird keiner wieder lebendig und kein Leid ungeschehen gemacht.

Für Angehörige und Freunde der Opfer, Trauernde und Schockierte wird heute in Duisburg ein Trauergottesdienst gefeiert. Aus Respekt vor den Gefühlen der Hinterbliebenen, aber auch aus Sorge um seine Sicherheit wird der Oberbürgermeister an diesem Gottesdienst nicht teilnehmen. Vielleicht ist das ratsam, aber ich finde es auch bedenklich.

Gottesdienst ist für mich Ort der Fürbitte, der Klage und der Suche vor Gott. Dabei ist die Frage nach dem Warum zentral. Warum?
Warum muss-ten diese Jugendlichen sterben?
 Auch ich habe keine Antwort.
 Aber mir fällt wieder ein biblischer Bezug ein: Auch Jesus fragt „Warum?“ – er schreit:
 „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34) Dann stirbt er –
 er auch. Am Ende. So wie die, die zur Loveparade wollten und dabei die Hölle auf Erden erlebt haben. So wie die, die gestor-ben sind oder die raus gekommen sind und jetzt damit leben müssen, was sie erlebt haben. So wie die Angehörigen, Freunde oder Opfer, Trauernde und Schockierte.
 Für mich gehört Oberbürgermeister Sauerland auch da-zu, und mit ihm viele Andere auch. Es gibt keine Antwort, aber die ge-meinsame Klage. Es gibt keine Antwort, aber die biblische Hoffnung:
Ich glaube, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat. Ich glaube, dass das Leben damit stärker ist als der Tod.
Auch das macht die Toten jetzt nicht lebendig. Hoffentlich hilft es, einander beizustehen.

Der Trauergottesdienst eine Woche nach der Tragödie wird alle Beteiligten noch einmal ganz neu herausfordern. Aus ganz NRW werden Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger in Duisburg sein. Meine Gedanken und meine Gebete begleiten sie und die Menschen, die sie begleiten. Pfarrer Herwig Behring